Betrachtungen zur Sozialfunktion des Waldes

von Heiner Rupsch, 1. Vorsitzender Trinkwasserwald® e.V.

Unser Wald ist ein Multitalent. Vitaler Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Schützt Boden, Klima und Wasser. Liefert uns Menschen den wunderbaren Rohstoff Holz. Ist Erholungsraum und Quelle für Arznei. Er gibt unserem Sein und unserer Seele, Ruhe und Beständigkeit.

Die Wälder benötigen jedoch in einer stetig wachsenden, urbaneren Welt unsere Beachtung, Wertschätzung und Hilfe. Um diese Fürsorge leisten zu können, bedarf es nicht nur einer rationalen Bewertung, auch sind wir freudig aufgerufen „emotionale Fakten“ zu beleuchten. Waldwerte eben, die in keinem Vertrag geschrieben stehen. Nur wenn dies geschieht, werden wir leicht und auch mühelos mit emotionaler Intelligenz aus den unsichtbaren inneren Werten aus uns schöpfen und für den Wald wirken können.

Matrix und Rohstoff unserer Kultur

Bei den Festen der Menschen haben Waldbäume seit jeher eine wichtige Rolle gespielt. Man tanzte um sie herum, kletterte auf sie hinauf und schmückte sie mit symbolischen Materialien. Bäume bilden auch heute einen wesentlichen Aspekt der Rituale, der Bräuche, der Festlichkeiten. In vielen Kulturen haben die Waldbäume eine herausgehobene mythologische Bedeutung. So steht die Eiche für Stärke und Standhaftigkeit, die Linde für Liebe, die Tanne für Schönheit und die Birke ist das Sinnbild des Lichts, des Frühlings. Im Maibaum wird diese Symbolik auch heute noch durch das Brauchtum des „Liebes Maien“ in der Nacht zum 1. Mai lebendig und sinnesfroh gepflegt. Unverheiratete Männer in den Dörfern stellen ihrer Auserwählten eine kleine geschmückte Birke vor das Haus, als Zeichen ihrer Gunst und ihrer Liebe.

Möglich das ohne die Eiche die Zeitgeschichte vielleicht anders verlaufen wäre – so waren die Schiffe, mit denen Columbus in die neue Welt aufbrach, aus robustem Eichenholz gezimmert.

„Die Bäume des Waldes verbinden symbolisch Himmel und Erde. Das Christentum kennt den Lebensbaum. Es ist der Baum der Erkenntnis aus dem Paradies. Er ist tief in der Erde verwurzelt und zieht aus der Mutter Erde seine Kraft. Zugleich ragt er in den Himmel und entfaltet seine Krone nach oben. So ist er ein Bild des Menschen, wie er sein sollte, wenn er wie ein Baum verwurzelt ist und doch aufrecht steht wie ein königlicher Mensch mit einer Krone“, so Amsel Grünen.

Besondere Waldgeschenke

Waldluft ist würzig. Waldluft ist frisch. Sie ist Sehnsucht und Markenzeichen, Wirtschaftsfaktor und Heilsversprechen. Kurorte schmücken sich damit. Wanderer, Jogger und Fahrradfahrer saugen sie gierig ein. Die Luft wird gesucht und genossen. Wer nicht ins Grüne kann, greift zum künstlichen Waldaroma: Fichtennadelspray und Latschenkieferöl sollen eine Illusion vom Wald beschwören. Es ist ein Cocktail zwischen Moos, Blatt und Zweig, sagt Peter Laufmann von den Bayerischen Staatsforsten.

Aus Kohlendioxid, Wasser, Sonnenlicht, einer handvoll Mineralien und Spurenelementen konstruieren die Bäume Wurzeln, Stämme, Kronen, Blätter und Nadeln. Mit diesen Wirkstoffen streben die Waldbäume als „solare Gesellschaft“ im Kollektiv gen Himmel, bilden nach Jahren unter dem grünen Dach ein Innenklima unter dem vieles anders ist, als außerhalb des Waldes. Mann spürt es: Der Wind wird deutlich gebremst, und wenn Regen auf den sanften Waldboden fällt, dann ist da dieser wunderbare Duft. Die ätherische Düfte des Kiefernwaldes, die würzigen Pilzdüfte im Fichtenwald und die Verheißung von frischem Salat des Buchenwaldes.

Es ist feuchter und kühler im Wald. „Von der natürlichen Klimaanlage haben aber nicht nur Förster, Pilzsammler und Freizeitsportler etwas: Dank der grünen Gürtel können viele Städte richtig aufatmen und „schön cool“ bleiben. Bis zu zehn Grad macht zum Beispiel der Unterschied zwischen München und den umliegenden Wäldern aus. Sehr angenehm für jeden, der aus der Stadt flüchtet in heißen Sommern. Es ist das Wunder der Verdunstungskälte, der Wald schwitzt für das kräftezehrende Wachstum der Bäume. Bis zu vier Liter Bodenwasser transpiriert unser Wald an einem sonnigen Sommertag pro Quadratmeter damit er wachsen kann. „Und nicht nur das: Das Klima ist übers ganze Jahr und über jeden einzelnen Tag ausgeglichener“, so Prof. Annette Menzel von der TU München, „denn nachts kühlt es nicht so stark ab.“

Er speichert als Klimaschützer auch ohne Auftrag allein durch sein Wachstum zehn Tonnen CO2 pro Jahr und Hektar kostenlos aus der Atmosphäre, das entspricht der CO2 Emission eines vier Personenhaushaltes.

Der Bergwald bewahrt die Hänge vor Bodenerosion und schützt so Haus und Hof der Talbewohner.

Der Wald speichert und reguliert unser zukünftiges Trinkwasser, filtert es zuvor jedoch so gut, dass das Sickerwasser in der Regel den Qualitätsvorgaben der EU-Wassercharta entspricht. Vitale Wälder füllen das Grundwasser von hoher Qualität wieder auf. Nur hier wird auch der Grenzwert von unter 50 mg Nitrat Belastung pro Liter eingehalten. Grundwasser unter landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen erreicht die geforderten Qualitäten zumeist nicht. Auch deswegen ist ein Großteil aller Wasserschutzgebiete unter Wäldern ausgewiesen. Vitale Mischwälder sind daher der Garant für unser wichtigstes Lebensmittel – sauberes Trinkwasser.

Sehnsucht Wald – Sehnsucht auf das was bleibt

Schnell reisen wir mit Auto, Bahn oder Flugzeug. In wenigen Stunden sind wir in anderen Städten, Ländern und Lebenskulturen. Nachrichten in digitalen Informationsströmen überholen sich noch am selben Tag. Die Systeme werden permanent gefüttert und Informationen haben eine geringe Halbwertzeit. In kürzester Zeit ändert sich alles, nichts hat Bestand. Schon bald beginnt unser Inneres zu suchen. Sehnsucht nach Ruhe und Beständigkeit macht sich breit. In uns wächst die Sehnsucht auf das was bleibt. Da Urbanität um uns weiter zunimmt, steigen gleichermaßen auch Sehnsüchte nach unverbauter Weite, nach einer harmonischen Welt.

Vertraute Bäume, auf die ich kletterte, „als ich noch ein Kind war“ oder die Ruhe des Waldes, die bekannten Wege und vertrauten Lichtungen können in uns diese Sehnsucht stillen. Waldbilder vermögen den inneren Abgleich zu fördern. Bilder die deutlich machen, ich bin ein Teil des großen Gewebes, bin ein Teil der Natur. Der Wald gibt uns mit seiner Beständigkeit genau diese Identität, er gibt uns Ruhe, er ist das was bleibt.

Soziale Waldfunktionen – zwischen Ökologie und Ökonomie

Besondere Waldleistungen und Wünsche werden heute von der Gesellschaft gezielt nachgefragt und ökonomisch bewertet. Drei Beispiele sollen diese Wert schöpfende Allianz aufzeigen

Waldbestattung
Nach Umfragen der großen Waldbestattungsunternehmen hat der Wunsch sich in der Ruhe des Waldes bestatten zu lassen deutschlandweit mit 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung einen bedeutenden Anteil erreicht. Die Motivationen sich für eine Waldbestattung zu entscheiden sind vielfältig. Ein Aspekt ist jedoch die große Waldverbundenheit in der Bevölkerung. Der Wunsch in den großen, Kreislauf von Mutter Natur zurückzukehren. Im Schutz ehrwürdiger Bäume im Zyklus der Jahreszeiten als ewige Metapher des eigenen Lebens. 700 bis 1.000 Urnenplätze finden pro Hektar Laubwald Platz – ein Geschäftsfeld. Es nährt sich unter anderem aus der Liebe zum Wald und seiner spirituellen Kraft. Die wachsende Kultur der Waldbestattung mehrt die Verbundenheit und Ethik mit den Wäldern. Mehr ca. 150 Bestattungswälder sind in Deutschland bereits etabliert.

Mehr Platz für „Käfer Kahn“ – Vertragsnaturschutz
Im Vertragsnaturschutz wird zumeist ein Nutzungsverzicht für den besonderen Artenschutz vereinbart. Einzelbäume, Baumgruppen oder auch größere Waldflächen bleiben stehen und werden nicht gefällt. Auch historische Waldnutzung, wie zum Beispiel die Beweidung mit Rindern, Pferden oder gar Wisenten, können in den Vertragsnaturschutz aufgenommen werden. Die besondere soziale Waldleistung ist dann in der Regel gezielter Artenschutz – zum Beispiel für Insekten, Vögel oder Fledermäuse. Klassische Partner für den Waldeigentümer sind im Vertragsnaturschutz Landkreise, Stiftungen, ersatz- und ausgleichspflichtige Unternehmen oder auch Naturschutzvereine. Der Nutzungsverzicht wird dabei individuell honoriert.

Wasserdienstleistung – Trinkwasser pflanzen
Wälder haben für das Grundwasser eine große Bedeutung: Die Wirkung der Laubwälder auf Menge und Qualität des Grundwassers ist deutlich größer, als die Wirkung der Nadelwälder. In Niedersachsen und anderen Bundesländern werden daher, zum Teil in Wasserschutzgebieten, vorhandene Nadelwälder gezielt in Laubmischwälder umgewandelt. Die Grundwasserspende erhöht sich mittelfristig je nach Standort um 50 bis 120 Liter pro Jahr und Quadratmeter. Mit diesem Prinzip können wir gezielt „Trinkwasser pflanzen“, denn die Verfügbarkeit und Qualität des Grundwassers wird vor Ort deutlich erhöht. Mit dem Wald als „Grundwasserfabrik“ können Unternehmen, die ihre Verantwortung ernst nehmen, eine Brücke zwischen Ökologie und Ökonomie schlagen indem sie die Ressource Wasser schonen und gleichzeitig die Ressource Wasser schaffen: Wasser, welches zum Beispiel für die Herstellung von Produkten verbraucht wird, kann durch gezielte Pflanzmaßnahmen nachhaltig kompensiert werden. Einmal gepflanzt, generiert diese Grundwasserfabrik im Bundesmittel 800.000 Liter qualitativ hochwertiges Wasser pro Hektar – und das jedes Jahr neu, solange der Wald besteht!

… gute Aussichten

Soziale Waldleistungen sind vielschichtig. Es bedarf der Bereitschaft sie zu erkennen und wertzuschätzen, nur dann kann der Einzelne sie auch fördern. Verschiedene Werte sind unbezahlbar. Unsere kulturelle und spirituelle Identität gehören zum Beispiel dazu, ebenso wie … „dieser wunderbare Duft“. Die ökonomische Bedeutung der so genannten Soft-Facts steigt und findet immer mehr Beachtung. Ökonomie und Ökologie reichen sich im Business by Nature die Hand: Wälder als Kohlenstoffspeicher zur Kompensation von Kohlendioxid, Wälder als natürliche Grundwasserfabriken, der Schutz bestimmter Tier und Pflanzenarten, aber auch die Sehnsucht seine letzte Ruhe im Wald zu finden, zeigen uns die große Bedeutung der Wälder für die Menschen. Leistungen die neben Mythos, Abenteuer und Freizeit auch finanziell honoriert werden. Auch Waldkindergärten haben die weiter wachsende Bühne des Waldes bereits tausendfach in Deutschland bereichert. Spielerisch lernen die Kinder hier emotionale Intelligenz und das das Wesentliche, wie in der Lektüre „Der kleinen Prinz“, oft unsichtbar bleibt. In den Waldkindergärten wachsen mit schmutzigen Händen und einem fröhlichen Lächeln im Gesicht die zukünftigen Anwälte, die Freunde des Waldes von Morgen heran.

Soziale Waldfunktionen, welch ein bürokratischer Begriff … Waldeslust, ja bitte!

 

Heiner Rupsch leitet als Gruppenmanager das Ökomanagement bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und ist Vorsitzender des Vereins Trinkwasserwald® e.V.

Das Magazin VIERVIERTELKULT, der Vierteljahresschrift der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, beschäftigte sich in seiner Sommerausgabe 2014 mit dem Thema „Wald“. Darin dieser Gastbeitrag von Heiner Rupsch in einer gekürzten Fassung. Weitere Informationen zur Stiftung und das vollständige Magazin finden Sie hier.

Heiner Rupsch

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