von Kirsten vom Heu, Projektplanung bei Trinkwasserwald® e. V.

Zur Erinnerung an den 22. Mai 1992, an dem in Nairobi Einigkeit über den Text des UN-Übereinkommens zur biologischen Vielfalt im Rahmen des Erdgipfels im Juni 1992 erzielt wurde, wird seit dem Jahr 2000 weltweit der Internationale Tag zur Erhaltung der Artenvielfalt am 22. Mai begangen. An diesem Tag machen Organisationen und Verbände über Veranstaltungen und Aktionen auf die Wichtigkeit der Artenvielfalt für unser aller Leben aufmerksam.

Wie wichtig dieser Tag ist, begriff ich das erste Mal, als ich 2006 nach vielen Jahren wieder Südmexiko besuchte. Den Schwund an Naturräumen und Vielfalt dort hatte ich hier zu Hause kaum mitbekommen. Ich hatte nur darüber gelesen. Es ist ein viel zu steter, schleichender Prozess: Die Hecken zwischen den Feldrändern verschwinden nicht von einem Tag auf den anderen. Sie werden hier lediglich jedes Jahr ein bisschen weniger; bis aus zwei Feldern und einer Hecke dazwischen auf einmal ein einziges Feld wird. Auch die Vögel hören nicht von heute auf morgen auf zu singen. Das Verstummen der Welt geschieht langsam. Unmerklich. Ganz anders für mich 2006 in Mexiko, das ich über zehn Jahre nicht mehr besucht hatte, nachdem ich dort anderthalb Jahre gelebt hatte. Wälder und Mangroven, die ich einst gekannt hatte, und mit ihnen eine Unzahl an farbenreichen Blumen, Vögeln und Schmetterlingen, waren nicht mehr da. Weg. Sie waren Feldern, Weiden und großflächigen Tourismusprojekten gewichen, während viele der ruhigen, verschlafenen Küstenorte sich zu „Costa Brava-Monstrositäten“ verwandelt hatten – inklusive Animation und europäischem Essen, dafür aber ohne Wahrung von Umweltauflagen oder indigenen Landrechten. Ich war schockiert!

In Mexiko lassen sich als Folge des Deregulierungsprozesses seit 1982 sowie des NAFTA-Handelsabkommens 1994 die Auswirkungen unserer marktwirtschaftlich dominierten Kultur mit ihrem unersättlichen Hunger nach Rohstoffen in Reinkultur beobachten. So kommt es dort gerade in indigenen Gemeinden, die dank ihrer Kultur noch um diversifizierte, naturschonende Anbaumethoden wissen, zu einem vermehrten Verlust ihrer Territorien an ausländische Kapitalgeber. Diese wiederum investieren in Tourismus-, Infrastrukturprojekte, Staudämme, Wind-Naturparks, Agrarindustrie, Tagebau und Minen – meist ohne vorherige Konsultation und Information der indigenen Gemeinden1, geschweige denn deren Beteiligung an Gewinnen. So wurden zum Beispiel seitens des Staates in 28 von 31 Bundesstaaten Minen-Konzessionen auf einer Fläche von circa 50 Millionen Hektar an über 200 transnationale Konzerne (hauptsächlich aus Kanada, USA und Australien) zu fragwürdigen Konditionen vergeben:

  • durchschnittliche Lizenzkosten von weniger als einem US-Dollar je Hektar,
  • Grundwassernutzung gratis,
  • unverbindlichen Umweltauflagen und
  • zunehmend herabgesetzte Arbeitsschutzrechte für Minenarbeiter.[1]

Allein in 2016 zählte die nationale Koordinatorin für Umweltgeschädigte über 200 Konflikte aufgrund von Projektvorhaben, die den Lebensraum von Menschen zerstörten und die Umwelt schädigten.[2]

Für Mexiko, das mit seinen vielen verschiedenen Vegetationszonen zu den sogenannten Megadiversitätsländern gehört, dramatisch! „So beheimatet es die meisten Arten an Kiefern, Steineichen, Kakteen und Reptilien. Es beherbergt die zweitmeisten Säugetierarten und rangiert auf dem vierten Platz mit Blick auf Amphibienarten. Doch die Umweltzerstörung schreitet fast ungebremst voran. So artenreich das Land ist, so dramatisch ist auch der Verlust der Biodiversität im weltweiten Vergleich. Mexiko steht an erster Stelle bei vom Aussterben bedrohter Arten und an erster Stelle in Lateinamerika bei bedrohten Arten. Bei einer Gesamtzahl von 510 betroffenen Arten sind 63 Prozent vom Aussterben bedroht und 37 Prozent gelten als gefährdet. Auch im Bereich der Flora ergibt sich ein trauriges Bild. Jährlich gehen etwa 600.000 Hektar an Wald- und Urwaldfläche verloren, was Mexiko weltweit an die fünfte Stelle im Abholzungsranking stellt.“[3]

Aber diese Formen des Öko- und Ethnozids lassen sich auch anderswo beobachten, denn letztendlich sind sie das Echo eines globalen Prozesses, der Profit über Leben stellt.

Allein in den Entwicklungsländern gingen von 2001 bis 2010 rund 230 Millionen Hektar Grünland, Savannen und Wälder an die transnationale Agrarindustrie. Damit wurde eine Fläche, so groß wie Westeuropa, für Monokulturen vorgesehen.[4] Um auf diesen Flächen eine hohe Produktivität zu garantieren, kommen dort teilweise Chemiecocktails mit bis zu 26 verschiedenen Pestiziden zum Einsatz, die flächendeckend von Flugzeugen oder großen Besprühungsanlagen aufgebracht werden.[5]

Vor allem durch den Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln wird das Grundwasser stark beeinträchtigt und in Ozeanen und Seen das Wachstum der so genannten „Deadzones“ gefördert: Riesige Gebiete, in denen aufgrund des Sauerstoffmangels kein Leben mehr vorkommt.[6] Seit Beginn der ozeanographischen Datenerfassung in den 1970er Jahren haben sich diese Areale je Jahrzehnt verdoppelt und haben mit Ausnahme von saisonalen Schwankungen derzeit eine Größe von 70.000 Quadratkilometer. Als Folge dieser Entwicklung sowie der Überfischung haben sich zwischen 1970 und 2012 die Populationen der in Süßwasser lebenden Arten um 81 Prozent und die in den Meeren lebenden Arten um 36 Prozent verringert.[7] Jedes Jahr werden etwa 13 Millionen Hektar Wald gerodet. Von den Primärwäldern der Welt sind seit 2000 fast 40 Millionen Hektar verschwunden. Mit den schwindenden Lebensräumen sterben weltweit täglich um die 150 Tier- und Pflanzenarten aus: weltweit haben sich zwischen 1970 und 2012 die Populationen der Wirbeltierarten mehr als halbiert. Bei der Fortsetzung der aktuellen Trends wird weltweit mit einem Verlust der Hälfte der globalen Artenvielfalt bis 2050 gerechnet. [8]

Das „Gute“ an diesen Entwicklungen: Anders als vor fünfhundert Jahren, als der verheerende Raubzug unbeachtet und ungesehen mit dem Kolonialismus begann, sind im Anthropozän aufgrund technischer Innovation und globaler Reichweite die tödlichen Folgen dieser rasanten Entwicklung überall zu sehen und zu spüren. Und eigentlich wissen wir es bereits: Jeder von uns, von der Ameise bis hin zum Menschen, ist von dieser Entwicklung betroffen. Vielleicht überwinden wir ja dank der überall seh- und spürbaren Folgen diese Krise, mit der wir unseren Planeten und uns selbst gefährden, indem wir uns erinnern: Wir alle teilen uns gemeinsam mit anderen Lebensformen diesen Planeten, wir sind voneinander abhängig und müssen füreinander Sorge tragen.

Quellen:

[1] Lutz Kerkeling, UNRAST-Verlag, Münster, 1. Auflage September 2013, ¡Resistencia!

[2] Juliana Fregoso, Publikation der Heinrich-Böll-Stiftung, Juni 2017: Mexiko – Wirtschaftswachstum versus Menschenrechtskrise im Schatten der USA unter Trump –das G20-Mitgliedsland Mexiko

[3] Juliana Fregoso, Publikation der Heinrich-Böll-Stiftung, Juni 2017: Mexiko – Wirtschaftswachstum versus Menschenrechtskrise im Schatten der USA unter Trump –das G20-Mitgliedsland Mexiko

[4] Heinrich-Böll-Stiftung, IASS, BUND, Le Monde diplomatique (Hg.): Bodenatlas: Daten und Fakten über Acker, Land und Erde. 2015. 4. Auflage. 2015

[5] taz Verlags u. Vertriebs GmbH (Hg.): Beilage vom 26.07.2013 „Über Tank und Tellerrand hinaus“

[6] Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein, Heinrich-Böll-Stiftung (Bundesstiftung), Kieler Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“ und Le Monde diplomatique. (Hg.): Meeresatlas. 2017. 2. Auflage. 2017

[7] WWF Deutschland (Hg.): Living Planet Report 2016. Kurzfassung. 2016

[8] WWF Deutschland (Hg.): Living Planet Report 2016. Kurzfassung. 2016

Kirsten vom Heu

Kirsten vom Heu